"Die Entdeckung der Langsamkeit in Laos"
Von Susanne Kurth
Im Boot mit der Nummer 57 breitet sich der Duft frisch geschälter Mandarinen aus, und in der ersten Sitzreihe hört man es knuspern. Vier Engländerinnen in den Zwanzigern greifen reihum in eine große Chipstüte, essen zwischendurch Mandarinen und Bananen, kaum dass das lange Holzboot vom Grenzort Huay Xai in Nord-Laos abgelegt hat. Ziel der Fahrt auf dem Mekong ist Luang Prabang, ehemals Königsresidenz und heute touristische Hauptattraktion des Landes.
Zwei Tagesreisen dauert die rund 500 Kilometer lange Tour flussabwärts, mit einer Übernachtung auf etwa halber Strecke in einem Dorf namens Pakbeng. Einen Fahrplan gibt es nicht. Eine Tagesetappe kann bestenfalls fünf, aber auch bis zu neun Stunden dauern. Wie lange das Boot für die Strecke braucht, bestimmt nicht der Kapitän, sondern einzig der Fluss. Jetzt in der Trockenzeit erschweren Sandbänke und scharf aus dem Wasser aufragende Felsen die Navigation. An den engsten Stellen zwischen zwei Hindernissen fährt Kapitän Phonxai manchmal Schritttempo, und seine Helferin Liu muss darauf achten, dass die Fahrgäste auf ihren Plätzen sitzen bleiben, damit das Boot nicht unnötig ins Wanken gerät.
An die 30 Touristen haben sich heute auf den harten, schmalen Holzbänken des blauen Linienbootes niedergelassen, während die wenigen Einheimischen an Bord es sich vorne unterm Führerhäuschen auf dem Boden bequem gemacht haben. Auch sie packen als erstes den Proviant aus. Von dem gekochten Klebreis bedient sich ein älteres Ehepaar gemeinsam aus einem Bambuskorb, dazu gibt es Trockenfisch.
Die Landschaft ändert sich während der gesamten Fahrt nur wenig. Dschungel, ab und zu einige Hütten mit Palmen davor, dann wieder Felsen. Einmal stehen ein paar Rinder am Flussufer, trinken und stieren unbeteiligt dem vorbeifahrenden Boot hinterher. Hin und wieder überholt ein Schnellboot den Kahn. Es ist immer schon zu hören, bevor man es sieht, denn es macht einen Höllenlärm. Dafür schafft der Flitzer die gesamte Strecke bis Luang Prabang in etwa sechs Stunden. Trotzdem ziehen die allermeisten Einheimischen und Touristen die gemächliche Reise mit dem Holzboot vor, denn bei der Tour mit dem Schnellboot kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen, weil der Fahrer bei der hohen Geschwindigkeit nicht schnell genug auf Hindernisse im Fluss reagiert hat.
Irgendwann hat das Auge genug gesehen. Zeit zu dösen, zu lesen und, natürlich, zu essen. Essen ist auf dieser Fahrt der Hauptzeitvertreib für die meisten Passagiere. Geredet wird wenig, denn der alte Dieselmotor mischt sich dröhnend in jedes Gespräch ein.
Gegen Mittag erreicht das Boot ein kleines Dorf. Einige Kinder hocken wie Äffchen auf einem der Felsen. Neugierig mustern sie mit ernsten Mienen die Ankömmlinge. "Ist das Pakbeng?" fragt Mary, eine der Engländerinnen. "No Pakbeng", informiert Liu die Passagiere, bedeutet ihnen aber mit einer Handbewegung in Richtung Ufer, dass sie von Bord gehen dürfen.
Über die "Brücke", die nur ein schmales Holzbrett zwischen Bootsrand und Ufer ist, balancieren alle von Bord. Die meisten Männer steuern geradewegs auf ein paar Büsche zu um zu pinkeln, die meisten Frauen schauen ihnen neidisch hinterher. Das Hock-Klo an Bord wollte bisher noch keiner ausprobieren. Einige Passagiere drängen zur Weiterfahrt. "Warum habt ihr es so eilig?", fragt Ron aus Holland, der diese Reise zusammen mit seinem erwachsenen Sohn macht. Die beiden haben schon ein Trekking durch den fast unberührten Norden des Landes hinter sich und hatten dort reichlich Gelegenheit, sich in laotischer Gelassenheit zu üben. "Wollt ihr heute Abend noch in die Disco?" Gelächter.
Als der Kapitän wieder den Motor startet, hat sich die Kinderschar auf dem Felsen vervielfacht. Einige der Touristen schauen etwas unbehaglich drein, bis sich endlich einer traut zu winken. Die Kinder winken zurück, jetzt lachen sie.
Während der letzten Stunden der Tagesetappe redet kaum noch jemand. Beim letzten Sonnenlicht legt das Boot in Pakbeng an. Die Passagiere schleppen ihr Gepäck den Hang zum Dorf hinauf und gehen auf Zimmersuche. Das ist schnell erledigt, denn die Auswahl ist nicht groß und die einfachen Unterkünfte unterscheiden sich kaum voneinander. "Das Nachtleben scheint hier sehr übersichtlich zu sein", stellt Vera aus Berlin fest, nachdem sie die Szenerie hat auf sich wirken lassen. "Ich glaube, heute werde ich mal früh ins Bett gehen". In einem der wenigen Restaurants sitzen ein paar deutschsprachige Touristen nach dem Abendessen dann doch noch immerhin bis elf Uhr beim einheimischen Bier Lao zusammen. Als sie die Rechnung begleichen wollen, müssen sie die Bedienung wecken, die zwei Tische weiter auf ihrem Stuhl schon längst eingeschlafen ist.
Über dem Mekong liegt am nächsten Morgen um acht noch dichter Dunst. Die Fahrgäste stehen müde, aber abfahrbereit am Hafen. Keiner hat es eilig, an Bord zu gehen und wieder auf einer der spartanischen Bänke Platz zu nehmen, bevor es wirklich losgeht. Liu hakt die Namen aller Anwesenden auf ihrer Liste ab, damit niemand bei der Abreise versehentlich zurück gelassen wird. Schwer bepackt hasten die vier Engländerinnen als Letzte auf die Anlegestelle zu. Sie kommen vom Morgenmarkt und haben Wasserflaschen, eine Melone und mehrere Büschel Bananen in ihren Plastiktüten. Auch der Chipsvorrat wurde aufgefüllt. Für Abwechslung ist also auch auf der zweiten Etappe gesorgt. Die Fahrt kann losgehen.
© Susanne Kurth, Tel.: 0162/8522888, E-Mail: susanne.kurth@web.de
Abdruck oder Veröffentlichung im Internet honorarpflichtig!



