"Vertrauen durch Fremdenzimmer"
Von Karen Roske
Zu Gast bei Hexenschwestern, einer modernen Oma und einem Ex-Diplomat. Am Abend trug sie Lippenstift und eine rote Bluse. Sie stach hervor aus der Menge, die sich am Fähranleger um die letzten Ankömmlinge des Tages in Dubrovnik drängelte und ihre Privatzimmer anpries.
Am nächsten Morgen, zu Hause, hat sie eine fleckige Kittelschürze an und keine Zähne im Mund. Sie bittet in die Küche zu einem Glas klebrig süßem Saftersatz und stellt ihre Schwester vor. Die sitzt auf dem Teppich, hält einen Kochtopf im Schoß und schält Kartoffeln. Sie trägt Brillengläser wie Flaschenböden.
Die Schwestern, unschätzbar zwischen 50 und 80 Jahren alt, sprechen kein einziges Wort in irgendeiner Fremdsprache außer "okay". Aber sie vermieten im Juli und August jedes Zimmer in ihrem Haus. Sie schlafen in der Küche auf Decken und Kissen, die sie tagsüber unterm Küchentisch stapeln. Auf das Dach ihres alten Hauses bauen sie eine zweite Etage: Von einer weiß gefliesten Terrasse werden einmal drei Doppelzimmer mit Duschbädern abgehen. Eins ist schon fertig und beherbergt gerade ein australisches Pärchen auf Europa-Rundreise, die anderen sind noch im Rohbau.
Zwei Stationen mit dem Bus sind es von hier bis zum Stadttor von Dubrovnik, bis zur Altstadt, durch deren marmorne Straßen Touristen aus aller Welt strömen. Seit 1980 steht die von einer hohen mittelalterlichen Mauer umschlossene Stadt komplett unter UNESCO-Denkmalschutz. Daran, dass im Bürgerkrieg 1991 bis 1995 trotzdem Bomben fielen, erinnern heute Hinweistafeln und einige auffällig glänzende, neue Dächer.
Mittags wird der Schatten knapp, obwohl die Mauern so eng stehen. Die Steine heizen sich auf, kein Lüftchen weht. Also raus aufs Wasser! Die Auswahl an Inseln ist groß: 1.185 liegen in der kroatischen Adria, nur 66 davon sind bewohnt.
Zu einer der grünsten Adria-Inseln braust von Dubrovnik aus täglich eine Fähre: nach Korcula.
Nach vier Stunden erfrischender Seefahrt erheben sich dichte Pinienwälder und Olivenhaine aus dem türkis glitzernden Meer. Weiße Segelboote schaukeln im kleinen Hafen des gleichnamigen Hauptortes Korcula. Am Fähranleger wartet nur eine Handvoll private Zimmervermieter. Hier geht es ruhiger zu. Ivka steht bloß da und lächelt. Ihre weiten Leinenhosen flattern im Wind, ein buntes Tuch hält die rotbraunen Locken fest. Auf ihrer Visitenkarte ist ein Eckhaus mit Meerblick abgebildet. Als erstes überrascht sie damit, dass der zehnjährige Oleg an ihrer Seite ihr Enkel ist und nicht ihr Sohn. Er wohnt in Split und verbringt die Ferien bei Oma auf Korcula. Im kiefernvertäfelten Jugendzimmer seiner Mutter schlafen jetzt Touristen.
Die Altstadt von Korcula ragt auf einer Landzunge ins Wasser - von einer mittelalterlichen Mauer umschlossen, genau wie Dubrovnik. Mit marmornem Pflaster wie in Dubrovnik. Doch mit der halben Touristendichte und den halben Cappuccino-Preisen. Die Stadt Korcula hat nur 3.000 Einwohner, bietet aber Cafés, Kinos, Fahrradverleih und Restaurants aller Preisklassen. Zehn Minuten Fußweg sind es aus der Stadtmitte zu kleinen Badebuchten im glasklaren Meer. Ins grüne Hinterland führen ausgeschilderte Wanderwege.
Ivka lädt ihre Gäste zu Tee und Pfannkuchen in die Wohnküche ein. Oleg darf ausnahmsweise noch einen mit Nutella essen, denn er soll ein bisschen Englisch üben mit den Touristen. Ivka ist Lehrerin, aber nicht für Englisch. Sie beherrscht nur die Vokabeln, die zum Zimmer vermieten nötig sind.
Viele ältere Kroaten sprechen etwas Deutsch. Die Bundesrepublik hat Kroatien nach dem Balkan-Krieg als eins der ersten westlichen Länder anerkannt und beim Wiederaufbau geholfen. In vielen Orten gibt es deshalb eine Kohl-Genscher-Straße. Deutsche Touristen sind gern gesehen, nicht nur weil sie mehr Geld haben als Ungarn und Polen.
So gut wie Mikaly sprechen aber nicht viele deutsch. Der pensionierte Ex-Diplomat Jugoslawiens vermietet eine Wohnung in seinem Haus in Sibenik, einer Hafenstadt etwa 50 Kilometer westlich von Split. Von hier ist der dschungelgrüne Nationalpark Krka mit seinen sieben Wasserfällen im Inland genauso gut zu erreichen wie die vorgelagerten Kornaten-Inseln - auch sie ein Nationalpark, bestehend aus 150 Eilanden. Mikaly stellt sich aber nicht an den Fähranleger. Seine Wohnung ist nur über eine Agentur zu mieten, die es hier wie an jedem Ort an der Adria gibt.
Der alte Mann prahlt gern mit seiner jungen Frau, seinem klapprigen Auto, seinen sehr eigentümlich ausgesprochenen Fremdsprachen und seiner ruhm- und einflussreichen Vergangenheit als Diplomat in Ostberlin. Heute reichen seine guten Beziehungen zumindest noch zu einheimischen Bauern, die er gern mit seinen deutschen Gästen besucht. Im ungepflasterten Hof stehen ein Tisch und wacklige Holzstühle zwischen Schubkarren, Maschendrahtrollen und Autoteilen. Dort schneidet Mikalys alter Freund, ein Bilderbuch-Bauer im Doppelripp-Unterhemd, einen riesigen Schinken an. Die runzlige Bäuerin kichert und holt ein paar Wassergläser für den Rakija, ihren selbst gebrannten Schnaps. Ihr Sohn taucht unter der Motorhaube eines uralten Transporters auf, setzt sich dazu, trinkt aber nicht mit. Der kroatische Grappa schmeckt fruchtig und scharf und geht schnell in den Kopf. Er lockert die geradebrechte Unterhaltung merklich auf… bis der Sohn des Hauses aufbricht und die Runde damit auflöst. Er muss nämlich zum Busbahnhof, um Touristen aus Split abzufangen, an die er seine kleine Stadtwohnung den Sommer über vermietet.
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