"Leben zwischen Sandsteinmauern"
Eine Reise nach Urbino, in die kleine Renaissance-Stadt in Italien
Von Kathrin Emse
"Buon Giorno!", guten Tag! Mit einem Schwung fliegt die Tür des Cafés an der Piazza della Repubblica auf. Pietro Scarzi betritt den Raum. Zielstrebig steuert er auf den Tresen zu, schnappt sich die Kartons, für deren Entsorgung er zuständig ist, und beginnt eine lautstarke Unterhaltung mit dem Barkeeper. Niemand in dem Café, das stets mit Studenten voll besetzt ist, scheint sich daran zu stören. Pietro gehört zu Urbino, wie die Piazza vor dem Lokal oder die umliegenden Berge des Appennin.
Urbino ist eine kleine Renaissance-Stadt in den mittelitalienischen Marken. Knapp 45 Kilometer von Rimini und 85 Kilometer von Ancona entfernt, ist hier, trotz schöner Hotels, von Tourismus nicht mehr viel zu spüren. Für einige Jahre war die Stadt das Machtzentrum Italiens, doch daran erinnern nur noch die alten Mauern, Paläste und Fresken die zu der besonderen Atmosphäre des Ortes beitragen. Heute ist die Stadt fest in der Hand der 25.000 Studenten, denen rund 15.000 Urbinaten gegenüberstehen.
Die Sehenswürdigkeiten, den Dom, den Palazzo Ducale oder das Geburtshaus Raffaelos, des bekanntesten Künstlers der Renaissance, betreten die meisten erst nach bestandener Abschlussprüfung. Sie gilt als gefährdet, sollten diese Orte vorher aufgesucht werden. Über diesen Aberglauben lächelt Magda Jensen, Studentin der Kunstgeschichte aus Kopenhagen, nur. Sie hält Urbino für die ideale Stadt, um sich einen Eindruck von der Renaissance zu verschaffen.
Der Ort, der noch heute aus den Sandsteingebäuden des 15. Jahrhunderts besteht, gilt in der Kunstgeschichte als Musterbeispiel für die damaligen Bemühungen, Stadt und Natur miteinander in Einklang zu bringen.
"Besonders gut ist das", so Magda, "am Palazzo Ducale, dem herzöglichen Palast, zu erkennen, der auch als ‚Stadt in der Form eines Palastes' beschrieben wird." Der Herrschersitz scheint vollständig in dem Ort aufzugehen, ist der eine doch so um den anderen herum gebaut, dass es anmutet, als verschmölzen sie. Zudem haben die Einwohner dem Herzog während des Baus so viele Steine geklaut und in die eigenen Häuser eingebaut, dass sich überall Anklänge an den Palast wiederfinden lassen.
Im Palazzo befindet sich heute die Nationalgalerie der Marken, deren Sammlung eine weitere "ideale Stadt" umfasst: An dem Gemälde "La città ideale" fällt vor allem die Ruhe und das Fehlen von Menschen auf. - Auch wenn die Architektur Urbinos diesem Kunstwerk ähnelt, das Leben dieser Stadt ist vollkommen anders. Überall finden sich kleine Cafés, Pizzerien und Weinstuben, die zum Verweilen einladen.
Läuft etwas nicht wie geplant, heißt es nur "Beh, bevviamo un caffé", trinken wir erst mal einen Kaffee. Und es gibt viel, was nicht auf Anhieb funktioniert. Das kann der Dozent sein, der statt um zwei erst um vier Uhr zum Termin erscheint. Es kann aber auch der Gemüsehändler um die Ecke sein, der seine Mittagspause um ein paar Stündchen ausdehnt. Ein kleines Schild an der Tür verkündet dann, "Komme gleich wieder!" Doch "gleich" ist im Italienischen ein äußerst dehnbarer Begriff.
So bieten diese Stunden des Wartens eine willkommene Gelegenheit, um sich bei einer Tasse Espresso und einem cornetto, einem mit Pudding, Marmelade oder Schinken gefüllten Croissant, in lautstarken Gesprächen über das Leben und die Liebe auseinander zu setzen.
Pietro fehlt dabei nie. Er ist der gute Geist der Stadt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich, indem er die vielen Bars und Cafés von alten Kartons befreit. Jeden scheint er zu kennen, mit jedem sucht er das Gespräch. "Wie geht es Dir?" lautet stets seine erste Frage. Und sollte die einmal nicht positiv beantwortet werden, lacht er seinem Gesprächspartner ins Gesicht und sagt, "Ach, was. Das Leben ist so. Denk an Vasco, der sang‚ ‚vivere è come ridere', leben ist wie lachen." Und schon ist Pietro wieder draußen und macht sich schnaufend auf den Weg zur nächsten Bar.
Dabei muss er einige Steigungen und Gefälle bewältigen, denn dass Urbino im Appennin liegt, zeigen nicht nur die sanften Berge des Umlandes. Es gibt in diesem Ort viele Kopfstein gepflasterte Straßen und Gassen, die keinen schnellen Aufstieg erlauben. Besonders die Via Raffaelo hat es in sich, weshalb die Urbinaten sie "il monte", den Berg, nennen. An ihrem oberen Ende befindet sich die Fortezza Albonorz, eine Schutzburg aus dem 14. Jahrhundert. Direkt vor ihren Mauern liegt eine große Wiese. Der Blick, der in Urbino durch die kleinen Gassen begrenzt war, weitet sich hier bis ins Unermessliche. Die grünen Hänge des Appennin ziehen bis hinter den Horizont, nur unterbrochen vom Montagnola, dem mit 1.468 Metern höchsten Berg der Umgebung.
Die Wiese ist der ideale Platz für ein Picknick. Und so sie so erfüllt von Leben wie der restliche Ort. Überall finden sich kleine Grüppchen, die Musik machen, essen, trinken oder einfach nur den Blick genießen. Es wird Abend. Auch Pietro kommt mit einer Flasche Wein unter dem Arm über die Wiese. "La vita è bella!", das Leben ist schön!, ruft er und lässt sich auf eine Bank fallen.
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