Die Liebe zur "Elektrischen"
Mit Matilde durch das Labyrinth der Altstadt von Lissabon
Von Frank Hugger
- Morgens um halb fünf. Es ist noch kühl und dunkel in der Stadt. Antonio, mit Butterbrotdose und einer Taschenlampe ausgerüstet, kommt wie in vielen anderen Nächten als erster in das Quartier seiner 45 geliebten alten Damen und schaltet die Deckenbeleuchtung ein. Kaltes Neonlicht durchflutet die Halle und verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches, wenn er eine von ihnen mit einem fast zärtlichen Klaps und den Worten begrüßt: "Guten Morgen Matilde, auf geht's!" Sie ist eine von 44 weiteren alten Straßenbahnen, die aufgereiht in ihrem Depot im Alcantara Viertel von Lissabon einem neuen Arbeitstag entgegensehen. Die gedrungenen Straßenbahnen wirken auf ihren kleinen Rädern fast unbeholfen und werden von den Lissabonnern liebevoll "Electricos" - "Die Elektrischen" genannt. Seit fast 100 Jahren sind sie in den engen Gassen der Altstadt unterwegs.
Antonio und seine Kollegen, die "guarda-freios"- Bremsenhüter, sind so etwas wie die Helden des Lissabonner Straßenverkehrs. Warum, das wird spätestens dann klar, wenn Antonio wie heute mit "seiner" Matilde auf der Linie 28, dem bekanntesten Kurs, durch Lissabons Altstadt fährt. Die bei Fahrern und Touristen gleichermaßen beliebte Route führt in unzähligen Windungen durch die unterschiedlichsten Viertel der Stadt und wird in jedem Reiseführer als "Geheimtipp" gehandelt. Ob Tourist oder nicht: Wer in Lissabon war und nicht mindestens einmal auf den harten; engen Holzbänken der 28 mitgefahren ist, hat diese Stadt nicht wirklich kennen gelernt.
Die Fahrt mit dieser beliebtesten Straßenbahnlinie beginnt auf einem der wenigen nicht so schönen Plätze im Zentrum Lissabons. Der etwas heruntergekommene "Martim Moniz" ist ein Treffpunkt vor allem für Inder und Chinesen, die hier einen illegalen aber dennoch geduldeten Handel mit Elektronikartikeln aus aller Welt betreiben. "Wenn du dein Handy verloren hast, dann kannst du es morgen vielleicht hier wieder zurück kaufen", erzählt Antonio augenzwinkernd und steuert Matilde konzentriert die steile Rua da Palma hinauf. Vollbesetzt und manchmal kaum schneller als im Schritttempo erklimmt Matilde vorbei an alten Handwerkergeschäften mit ihren verstaubten Schaufensterdekorationen den Graca-Hügel im äußersten Südosten der Altstadt. Nicht nur die älteren Bewohner Lissabons nutzen die Straßenbahn als willkommene Kletterhilfe. Oben angekommen bietet sich Gelegenheit zu einer kurzen Verschnaufpause: Ein Getränkelaster blockiert die Fahrbahn, so dass zunächst kein Weiterkommen möglich ist.
Die Blicke können hier oben ungestört weit über die roten Ziegeldächer der Stadt hinunter zum träge dahin fließenden Tejo schweifen. Die Aussicht entschädigt für jede Wartezeit. Antonio hat für die Schönheit seiner Heimatstadt im Moment keinen Blick und zieht energisch an der Glockenleine, was Matilde mit einem schrillen Klingeln quittiert. Offenbar hat das den Fahrer des Lasters beeindruckt, er macht Platz und die Elektrische darf ihre Fahrt endlich fortsetzen. Die Frage nach dem Fahrplan und Verspätungen beantwortet Antonio mit einem breiten Grinsen, wobei seine zwei Goldzähne in der Sonne blitzen: "Fahrplan?".
Die nächste Haltestelle liegt in der Nähe des bekannten "Feira da Ladra"-Marktes. Wer am "Markt der Diebin" aussteigt, kann neben allerlei gebrauchten Konsumgütern und Elektronikartikeln auch echte Antiquitäten entdecken. So zum Beispiel alte "Azulejos", zumeist mit blauen Mustern verzierte Kacheln, die überall in Portugal die Außenfassaden der Häuser schmücken. U-Bahnhöfe, Autobahnbrücken und Sporthallen sind damit ebenso gefliest wie Klöster, Paläste und Bürgerhäuser.
Mittlerweile scheint die Sonne schon etwas kräftiger. Viele Fahrgäste haben die Fenster nach oben geschoben und genießen den kühlenden Fahrtwind. Die Fahrt geht nun weiter in Richtung Baixa und jetzt wird es abenteuerlich: Eine eingleisige Strecke führt kurvenreich hinab durch die engen Gassen des ältesten Stadtviertels, der Alfama. Hier ist es an manchen Stellen so eng, dass sich die Passanten in die Hauseingänge drücken müssen, um nicht von der Bahn erfasst zu werden. Der "Bremsenhüter" Antonio kurbelt dabei ständig an den großen Handbremsrädern, damit Matilde nicht in einer der engen Kurven aus den Gleisen springt.
Kaum unten in der Baixa, dem Einkaufsviertel Lissabons angekommen, geht es auch schon wieder hinauf in Richtung Chiado. Dieser Teil der Altstadt mit großen Bürgerhäusern und engen verwinkelten Gassen wurde 1984 in einem verheerenden Feuer beinahe komplett zerstört, konnte aber größtenteils nach Originalvorlagen wieder aufgebaut werden. Der Anstieg ins Chiado ist steil: Mit 13,5% erklimmen Matilde und ihre Kolleginnen hier Tag für Tag die steilste Straßenbahnstrecke der Welt! Der Höhenunterschied ist so groß, dass Antonio bei Regen per Seilzug Sand auf die Schienen vor Matildes Rädern streuen muss, um nicht rückwärts wieder hinunter zu rutschen.
Manchmal fährt Antonio auch besonders langsam, um Freunde und Bekannte direkt vor ihrer Haustür abspringen zu lassen. "Das ist nicht ungewöhnlich, das machen wir alle so", erklärt er. "Aber diese Verrückten", sagt er und zeigt auf drei Jugendliche, die hinten auf den Stufen des Ausstiegs des Gegenzuges mitfahren, "sehen wir nicht so gern". Selten passiere dabei etwas, aber wenn, "dann leider oft mit tragischem Ausgang", erzählt er und schüttelt traurig den Kopf.
Lissabon ist die Stadt der Hügel: Die nächste Abfahrt ist deshalb nicht weit. Bereits kurz nach der dem nächsten Halt muss Antonio wieder kräftig kurbeln, damit Matilde nicht laut quietschend den Berg nach unten schießt. "Das alte Mädchen will manchmal schneller nach Hause, als mir lieb ist, da muss ich sie eben ein bisschen bremsen", lacht er.
Zwölf mal fährt Antonio an diesem Tag mit Matilde die bergige Tour der Linie 28. Erst am frühen Nachmittag wird er von einem Kollegen abgelöst. Matilde wird erst nach weiteren 12 Fahrten am Abend zum wohlverdienten Feierabend ins Depot zurück kehren und vielleicht von den Straßen Lissabons träumen bis zum nächsten Morgen.
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