"Sammeltaxi nach Turkistan"
Von Britta Burmeister
Oleg ist beleidigt, wenn seine Gäste sich anschnallen. Seit fast sieben Jahren bringt er Kasachstanreisende von Shymkent nach Turkistan und zurück. Sieben Jahre lang, täglich zweimal 165 Kilometer - ein Mann mit soviel Fahrpraxis kann schon ein bisschen Vertrauen erwarten. Sein VW-Bus ist Olegs zweites Zuhause. Eine orange-gelb-braun geblümte Steppdecke schont die Bezüge des Fahrersitzes, am Rückspiegel pendelt ein Portrait von Zar Nikolai II und eine Schweizer Autobahnvignette von 1989 erinnert an die Vergangenheit des Fahrzeugs.
Feste Abfahrzeiten kennt Oleg nicht. "Ich fahre, wenn der Wagen voll ist", erklärt er und gibt unmissverständlich zu verstehen, dass er gegen einen Aufpreis bereit ist, von diesem Grundsatz abzuweichen. Nicht nötig. Eine Kasachin und ihre 16jährige Tochter kommen über den Bahnhofsplatz von Shymkent gelaufen. Ihr Russisch ist fehlerhaft. Untereinander sprechen sie Kasachisch. Während er die Plastiktüten der Mutter im Kofferraum verstaut, verdreht Oleg die Augen. "Kasachen sind ein kulturloses Volk!", davon ist er überzeugt. Die zehn Dollar pro Person nimmt er trotzdem gern entgegen.
Schnurgerade führt die Fernverkehrsstraße M 32 in nord-westliche Richtung, säumt den östlichen Rand der "Kyzylkum", der kasachischen Hungersteppe. Mit 70.000 Einwohnern ist Turkistan der erste größere Ort auf dieser Strecke. Wer weiter fährt, kommt über Kyzylorda und Baykonur bis nach Aral und von dort an die russische Grenze. Oleg ist noch nie weiter gefahren. "Die Leute wollen zur Grabmoschee von Hodscha Achmed Jasawi", ruft er gegen den dritten Platz der russischen Radiocharts an, "also bringe ich sie dorthin!". Die Moschee lässt ihn kalt. "Ja, das ist kunstvolle Architektur!", räumt er schließlich ein und fügt gleichgültig hinzu: "Fast wie in Samarkand!"
Die trockene Hitze der Hungersteppe kann Oleg seinen Gästen an diesem Tag nicht präsentieren. Kaum hat der VW-Bus die Stadtgrenzen Shymkents hinter sich gelassen, fängt es an zu regnen. Das gleichmäßige Grau des Wolken verhangenen Himmels mischt sich irgendwo am Horizont mit dem vertrockneten Braun der Steppenlandschaft. Für einen Augenblick werden in der Ferne drei Kamele sichtbar, immer wieder sind Schafherden zu erkennen, die von einem Reiter begleitet werden.
Die Goldzähne im Mund der kasachischen Mutter blitzen bei jedem Lächeln. Sie freut sich über das Interesse an ihrer Heimat. "Besonders schön ist es, wenn im Mai die Steppe blüht", schwärmt sie und versucht, ihrer Tochter ein bestätigendes Nicken zu entlocken. Die aber verzieht das Gesicht und wippt im Takt einer Poppballade von "Angelika Warum" mit dem rechten Fuß. Erst als ihre Mutter den Reiseproviant auspackt, wird sie munter. Der Geruch von frischem Knoblauch erfüllt das Auto, mischt sich mit dem Rauch von Olegs Zigarette und den Abgasen, die durch das Fenster in den Wagen dringen. Aus einem großen Glas verteilt Layla usbekischen Möhrensalat. Wer mag, darf sich eingelegte Knoblauchzehen nehmen. Aus einem Infusionsbeutel, wie ein bebilderter Aufdruck verrät. "Die gibt es so auf dem Basar zu kaufen!", rechtfertigt sich Layla . Bisher hatte sie sich über die Verpackung keine Gedanken gemacht. Jetzt muss sie selber lachen. "Knoblauch ist wie Medizin! Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen!"
Als Oleg mit seinem VW-Bus die Stadtgrenze Turkistans erreicht, hat der Dauerregen den Staub der Straße zu Matsch gebunden. Kleine Häuser mit blinden Fenstern säumen den Weg. Der Wüstensand hat alle Farben verschluckt. Auf einem zentralen Parkplatz, kurz hinter dem Ortseingang, endet die Fahrt. Layla und ihre Tochter verabschieden sich.
Im Schutz eines Pepsi-Cola-Sonnenschirms steht ein Kasache im dunklen Jackett, auf dem Kopf den traditionell bestickten kasachischen Samthut. Der Duft von gegrilltem Hammelfleisch zieht über den Platz. Auf einem Kohlegrill wartet frisch zubereiteter Schaschlik auf die Reisenden. Aus einem Ghettobluster dröhnt eine russische Radiosendung.
Oleg zündet sich eine Zigarette an, dreht sein Autoradio lauter und zieht sich mit einer Zeitung auf den Beifahrersitz zurück. "Um 17 Uhr fahre ich zurück!", gibt er bekannt und weist mit der Hand in eine unbestimmte Richtung: "Zum Mausoleum immer da entlang!"
Der Fußmarsch durch die Stadt ist ernüchternd. Von historischem Glanz keine Spur. Wer sich noch nie wirklich fremd gefühlt hat, hat in Turkistan Gelegenheit dazu. Sogar Russisch ist hier eine Fremdsprache. Europäer - so scheint es - kennen die meisten Einheimischen nur aus dem Werbefernsehen.
Mit leuchtenden Kacheln in Blau- und Türkis weckt die Grabmoschee von Hodscha Achmed Jasawi schließlich den an Braun- und Grautöne gewöhnten Blick der Reisenden. Bei schönem Wetter - so lässt sich denken - werden die kunstvoll mit Mosaiken verzierten Kuppeln der Grabanlage mit dem Himmel verschmelzen. Heute perlen Regentropfen an der Fassade ab. Nur wenige Gläubige hocken, den Kopf zum Gebet geneigt, im Hauptportal der muslimischen Pilgerstätte.
Als Oleg gegen 17.30 Uhr den Motor seines VW-Busses anlässt, wiederholt der russische Radiosender die Top ten der aktuellen Diskocharts. Oleg zündet sich eine Zigarette an, nickt gelangweilt, als er von den prachtvollen Verzierungen des Mausoleums hört und nimmt seinen europäischen Fahrgästen mit nachsichtiger Ungeduld den Sicherheitsgurt aus der Hand. "Was glauben Sie denn, was Ihnen unterwegs passieren soll?", fragt er. "Ich fahre diese Strecke seit sieben Jahren! 165 Kilometer - zweimal am Tag!
© Britta Burmeister, Tel.: 040/69795712, E-Mail: britbur@aol.com
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