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"Sintflut und Sonnenschein"

Australiens längste Buslinie

 

Von Stephan Hamacher

Blitze zucken durch den sternenübersäten Nachthimmel, Donner bleibt aus. Es ist klar, und der Vollmond leuchtet. Doch wenn für ein, zwei Sekunden die Feuer am Horizont zünden, dann sind eindeutig Wolkenberge erkennbar. Eine Fatamorgana?

 

Mike, der Mann hinter dem Steuer des Greyhound-Busses auf der Fahrt von Broome nach Darwin im Norden Australiens, weiß, was kommt. Er weiß es, weil er die Strecke seit 30 Jahren fährt. Jetzt ist Mitte Dezember, Sommer, am Zielort Regenzeit. 765 Kilometer weiter, bei Hall's Creek, hat Mike die Blitze eingeholt. Es regnet nicht, es schüttet wie aus Kübeln. Die Quecksilbersäule ist von schwülen 45 auf erfrischende 25 Grad gefallen.

Der Regen wäre kein Problem, doch da ist die Sache mit der Post. Denn Mike ist nicht nur Busfahrer, er ist auch Briefträger für knapp 50000 Menschen, die in der entlegenen tropischen Region leben. Jetzt muss er raus in dieses Gewitter, geschützt nur durch einen dünnen Plastik-Poncho, um einen Sack mit Briefen abzugeben und einen weiteren mitzunehmen.

 

Mike ist zudem sein eigener Mechaniker: Erst vergangene Woche hatte das Kühlsystem seines Dienstgefährts versagt. Nahe der Grenze zwischen Westaustralien und dem Nordterritorium war ein Schlauch geplatzt. Mike hatte ihn mit stoischer Ruhe repariert und war mit drei Stunden Verspätung in Katherine eingetroffen, der einzigen Stadt zwischen Broome und Darwin.

5444 Kilometer liegen zwischen Perth an der Westküste und Darwin im Norden. Hier bedient Greyhound einmal täglich in jede Richtung Australiens längste Buslinie.

 

Sie führt von der 1,3-Millionen-Metropole Perth aus an der Westküste entlang bis zum Taucher-Paradies Exmouth, weiter über die Nordküste bis zur Endstation.

Darwin wurde Heiligabend 1974 durch den Wirbelsturm Tracy zerstört, dann wieder aufgebaut. Touristen kommen her, um Krokodile zu sehen, den Dschungel zu erleben und unter Wasserfällen zu baden. Von Perth nach Darwin: erst Wüste, dann Steppe, die roten Felsen der Kimberlys, schließlich der Regenwald.

 

Mike hat mit der Wüste nichts am Hut. Ihm gehören die letzten 2093 Kilometer des komplett asphaltierten Highways. Hier kennt er jeden Kilometer auswendig und nennt die Strecke sein eigen. Trotzdem ist jede Fahrt anders.

 

Irgendwo hinter Fitzroy Crossing, weit vor Sonnenaufgang, ist Zwangspause. Regen hat die Straße überflutet. Mike steigt aus. Nach und nach folgt ihm das Dutzend der gerade aufgewachten Passagiere. Und dann kommt der andere Mike, der den Gästen bislang verborgen war, denn er schlief in seiner Koje hinten im Bus. Der andere Mike ist der zweite Fahrer. Der eine Mike ist 55 Jahre alt, hat weiße Haare, trägt eine dicke Hornbrille und ist Nichtraucher. Der andere, der in Turkey Creek das Lenkrad übernehmen soll, ist kaum jünger, ergraut, brillenlos, Raucher.

 

Da stehen sie, Mike und Mike und ihre Gäste, starren aufs Wasser: "Wir könnten weiter, dürfen aber nicht", sagt der eine Mike. Greyhound schreibt vor, im Fall einer Überflutung so lange mit der Weiterfahrt zu warten, bis das Nass unter Marke drei gefallen ist. Marke drei ist eine Zahl auf der leicht abschüssigen Straße. Mike, der Nichtraucher, beobachtet, wie sich das Wasser zurückzieht: "Noch eine Viertelstunde, dann geht's weiter." Als der Motor wieder anspringt, verkriechen sich die Gäste auf ihren Sitzen unter mitgebrachten Decken. Es ist früher Morgen, der Weg weit, die Landschaft eintönig. Schemenhaft zeichnet sich draußen vor den Fenstern Buschland ab. Noch drei Stunden bis zum Frühstücksstopp. Zeit für etwas Schlaf -nur nicht für den Mann am Steuer. Der beobachtet den schnurgeraden Highway. Von Verkehr kann keine Rede sein, die entgegenkommenden Autos zählt er an einer Hand ab. Trotzdem ist er auf der Hut. Kängurus und Emus könnten in der Dämmerung die Fahrbahn kreuzen. Die Beulen an der Backbordseite verraten Kollisionen mit der australischen Fauna.

 

Endlich rückt das Roadhouse in Sicht. Es ist 6.30 Uhr am Morgen, der Regen hat sich verzogen, seit anderthalb Stunden steht die Sonne über dem nackten blauen Himmel. "Roadhouse" bedeutet in Australien die Gelegenheit zum Tanken. Außerdem: ein Kaffee, ein Hamburger, eine Toilette. Keine Ortschaft weit und breit, Bretterbude in der Wildnis, aber für Mike mit der Hornbrille ist Schichtende.

 

Die nächsten vier Stunden wird er in der Koje schlafen. Am Steuer sitzt dann sein Namensvetter. Nach 20 Minuten Aufenthalt kommen in Turkey Creek zwei neue Passagiere an Bord. Der andere, der frische Mike, weist ihnen die Plätze zu und schickt die Greyhound-Regeln monoton durchs Mikrofon: "Keine Zigaretten an Bord, kein Alkohol, verlasst die Bordtoilette so, wie ihr sie vorfinden möchtet."

 

Am Abend erreicht der Bus Darwin. Für Mike und Mike endlich die Gelegenheit zu einem Bier in einer Bar. In drei Tagen geht es für sie zurück. Raus aus dem Norden, raus aus dem Regenland. Dann werden sie kurz vor Broome wieder einen sternenklaren Himmel sehen, diesmal bei abnehmendem Mond. Und wenn es am Horizont blitzt, dann hinter ihren Rücken.

 

©Stephan Hamacher, Estedeich 105, 21129 Hamburg, Tel. 040/88169123,Abdruck oder Veröffentlichung im Internet honorarpflichtig

 

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Rita Weinert



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Rita Weinert

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Teilnehmer äußern sich





Ulrike Bendrat, freie (Print-) Journalistin, arbeitet vom „Bremer Medienbüro“ aus für Tageszeitungen und Magazine und verfasst Pressetexte. Sie hat am Seminar „Crossmedial arbeiten“ bei Claus Hesseling teilgenommen. Sie schreibt:

 

„O-Töne aufzunehmen und weiter zu verarbeiten ist keine Zauberei. Auch die Verbindung Audio mit Bild ist nicht so schwierig. - Das waren zwei der positiven Erkenntnisse, die ich als bisher „Nur“-Printjournalistin aus dem Crossmedia-Seminar mitgenommen habe. Klar, die Umstellung von ...weiter