Versinken in ein anderes Lebensgefühl – Tango Tanzen in Buenos Aires
von Katrin Schramm
Lautes Klatschen. Juan Carlos Godoy verbeugt sich galant. Seine Stirn glänzt, er tupft sich mit einem Taschentuch den Schweiss von der Stirn. Sein cremefarbener Anzug schimmert im roten Licht. Er verbeugt sich nochmal vor dem Publikum. Das Klatschen verebbt. Das Licht wird gedimmt. Tangomusik ertönt über die Lautsprecher. Pause.
Jemand schnipst mit den Fingern. Ein Kellner eilt zu dem Tisch:
Ein gewöhnlicher Samstagabend im „La Cumparsita“. Im Schein von Kerzen sitzt eine überschaubare Anzahl von Tango-Liebhabern an runden Holztischen. Die Menschen trinken Wein und lauschen der schwermütigen Musik. Ein hochgewachsener Herr mit welligen grauen Haaren geht auf das Tanzparkett. Eine elegante korpulente Dame mit altmodischer Steckfrisur und eng anliegendem roten Kleid folgt ihm lächelnd. Sein Arm gleitet um ihre Taille, er nimmt ihre Hand. Ihr Blick wird ernst. Sie legt ihre Wange auf seine Schulter, schließt die Augen. Sie scheint in eine andere Welt zu versinken. Langsam und mit anmutigen Bewegungen wiegen die beiden zur Musik.
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In keiner anderen Stadt auf der Welt wird der Tango so zelebriert wir in Buenos Aires. Vor etwa 100 Jahren eroberte dieser Tanz die argentinische Hafenstadt, und bestimmt bis heute das Leben und die Kultur der Bewohner von Buenos Aires. „Für Argentinier ist der Tango kein Tanz, sondern ein Lebensgefühl, eine Lebensphilosophie,“ sagt María José Hernan, die im „La Cumparsita“ als Tänzerin auftritt. Leidenschaft, Passion, Stolz und Melancholie wird mit der Musik und dem Tanz ausgedrückt. Bekannte Künstler, etwa Astor Piazzolla (1921-1992), singen von Verlust, Traurigkeit, unglücklicher Liebe.
Der Tango ist aber ebenso ein lukratives Geschäft. Um den Plaza Dorrego im Stadtteil San Telmo tummeln sich Souvenirläden, die sich auf Tango spezialisiert haben. Neben Tango-Postkarten, -Postern und -CDs gibt es auch tangospezifische Schlüsselanhänger, Netzstrumpfhosen, Tücher, Parfümflaschen oder Aschenbecher. „Tango-Kitsch“ nennt María José Hernan das verächtlich.
San Telmo und La Boca sind beliebte Touristenziele. Am Wochenende stöbern Fremde auf Flohmärkten, und Tangotänzer treten zwischen Antiquitäten und Schmuckständen auf, um auf den Pflastersteinen elegante Figuren vorzuführen. Manch ein Tangotänzer verdient sich so seinen Lebensunterhalt. Seit den letzten Jahren der wirtschaftlichen Krise Argentiniens lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.
Juan Carlos Godoy ist aus seiner Garderobe gekommen und klopft einen Fussel von seinem hellen Anzug. Er lässt seinen Blick ins Publikum schweifen und geht auf einen Tisch zu. Eine rothaarige Amerikanerin rückt nach kurzem Zögern näher an ihre Begleiterinnen, um für den korpulenten Herrn, den sie eben noch auf der Bühne erleben konnten, Platz zu machen. Der Kellner eilt an den Tisch, legt eine CD von Godoy vor die Touristinnen, und nimmt die Bestellung des Ehrengastes entgegen. Räuspern. Woher die Amerikanerinnen kommen, Godoy kann ein wenig englisch. New York. Die blonde Amerikanerin nippt verlegen an ihrem Weinglas. Was sie denn nach Buenos Aires führe. „Natürlich der Tango“, erwidert die Rothaarige, und wippt mit ihren noch neuen Tangoschuhen im Takt der Musik. Der Kellner beugt sich über den Tisch, gießt dem Sänger Wein ein und stellt eine neue Flasche Rotwein vor die Gäste. Die Musik wird leise gedreht, die Tangotanzenden auf dem Parkett gehen zurück zu ihren Tischen. Das Licht auf der Bühne geht an. Stille. Ein Mann in schwarzem Anzug setzt sich auf einen Holzstuhl, nimmt ein Bandoneon auf seinen Schoß und nickt einem zweiten Mann an dem Piano zu. Die Musik beginnt. Ein schneller Tango. María José Hernan und ihr Tanzpartner gleiten zu dem Rhythmus auf die Tanzfläche. Anmutig führen sie vor, wie vielfältig Tango sein kann. Ihre geschmeidigen Körper inszenieren den Tanz. Keine Bewegung scheint dem Zufall überlassen. Nach zwei Stücken verbeugen sich die Tänzer. Sie lächeln zum ersten Mal. Die Gäste klatschen begeistert. Von irgendwoher Blitzlicht. Die beiden verbeugen sich noch einmal und treten an die Tische, um die Gäste zum Tanz aufzufordern. Juan Carlos Godoy verabschiedet sich mit einer kurzen Verbeugung von den Amerikanerinnen und geht zu einem anderen Tisch.
Es ist vier Uhr früh. Die Nächte sind lang im „La Cumparsita“. Jemand schnipst. Der Kellner eilt zu einem der Tische. Juan Carlos Godoy steht auf der Bühne. Seine Stirn glänzt. Er hat sich umgezogen und trägt nun einen schwarzen Anzug. Die Musik beginnt. Er schnipst mit den Fingern und wiegt seinen Körper langsam zur Musik. Nur noch drei Tische sind besetzt. Er schließt die Augen und beginnt zu singen.
Anreise: Flug mit Air France ab Hamburg derzeit knapp 924 Euro inklusive Steuern.
Unterkunft: zentral & günstig: direkt an der Av. de Mayo bietet das Gran Hotel Espana (EZ ab circa 12 Euro), Tacuari 80, Tel. 0054-11/43 43 55 41.
Auskunft: Botschaft von Argentinien, Kleiststraße 23 - 26, 10787 Berlin, Tel. 030/226 68 90, www.argentina-online.de





