Der Sprung ins Ungewisse
Helden und Publikumsmagneten:
Die Todesspringer von Acapulco
Von Carsten Bäcker
Aus den Lautsprechern dröhnt laute Musik, das eigene Wort ist kaum zu verstehen. Der mexikanische Superstar Pepe Aguilar besingt mit schmachtender Stimme die Schönheit der Frauen. Dann plötzlich Stille. Mit dem Sänger verstummen auch die Gespräche. Nach einigen Sekunden ein kurzes Platschen. Euphorischer Applaus brandet auf: Die etwa 150 Menschen sind schier aus dem Häuschen an diesem Abend. Dicht gedrängt stehen sie nebeneinander auf der schmalen Aussichtsplattform im mexikanischen Pazifik-Badeort Acapulco. Jeder möchte den besten Blick auf den gegenüberliegenden Felsen haben, auf den legendären La Quebrada. Ihre Gesichter glänzen erregt im Schein der unzähligen Fackeln, das Meer rauscht.
Auch Jorge Antunez, ein rüstiger, älterer Herr, mit buschigen grauen Augenbrauen, elegant zurückgekämmtem Haar und schwarzem Anzug, ist begeistert: „Ich komme einmal im Jahr hierher, seit mehr als 30 Jahren. Und es fasziniert mich immer noch wie beim ersten Mal.“ Für dieses Spektakel nimmt er die knapp 1500 Kilometer weite Anreise aus dem nordmexikanischen Monterrey immer wieder gern in Kauf.
Gerade macht sich der nächste der Todesspringer, ein sogenannter Clavadista, auf den Weg. In das gespenstische Licht der Fackeln gehüllt, erklimmt er mit nichts als einer Badehose am Leib die steilen Felsen. Schon der Aufstieg lässt den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren, denn jeden Momment könnte der Todesmutige abstürzen. Rutscht er nicht ein wenig ? Nein, sicher erreicht erreicht er die Klippe des 42 Meter hohen Felsens, bekreuzigt sich an der Muttergottesstatue, winkt den Zuschauern auf der gegenüberliegenden Seite zu und konzentriert sich ganz auf seinen Absprung.
Und das muss er auch. Denn der clavadista hat nur eine Chance, diesen wagemutigen Sprung lebend zu überstehen. Je nach Seegang, fünf oder sechs Sekunden vor dem Hereinrollen der nächsten Welle, muss er in die nur fünf Meter breite und nicht sehr tiefe Bucht weit hinaus springen.
Unglaublich: Den Wellengang können die Springer von ihrem Absprungsort nicht einmal sehen, nur hören.
Seit 1934 springen die Mutigsten der Mutigen von La Quebrada. Ein Grund mit dafür, warum die etwa eineinhalb Millionen Einwohner zählende Stadt im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, auf der ganzen Welt bekannt ist. Richtig berühmt machte die Todesspringer jedoch der King of Rock ´n´ Roll, der amerikanische Superstar Elvis Presley. 1963 stürzte er sich in dem Hollywood-Film „Acapulco“ als Rettungsschwimmer Mike Windgren von La Quebrada, um die schöne Ursula Andress zu beeindrucken - allerdings in blütenweißer Badehose. Die heutigen Springer bevorzugen eher Schwarz.
Fünf mal pro Tag machen sich die Todesspringer auf ihren gefährlichen Weg, den schlüpfrigen Felsblock hinauf. Selbst wenn sie ihren lebensgefährlichen Sprung gemeistert haben, ist es noch nicht vorbei. Das Wasser in der schmalen Bucht brandet so stark, dass der Springer Gefahr läüft, an die Felswände zu prallen und nicht unbeschadet aus dem Wasser herauszukommen.
Ein blond gelockter Schwede nippt an seiner Flasche Corona-Bier, starrt auf den Springer, murmelt: „Wahnsinn, unglaublich, der springt nicht wirklich, oder ?“ Und ob er springt. Vorher muss die schmale Bucht zwischen La Quebrada und Aussichtspunkt noch einmal vom im Wasser schwimmenden Unrat befreit werden – der einzige Wermutstropfen an diesem Abend. Dann stößt sich der Springer in perfekter Haltung vom Felsen ab, katapultiert sich wie eine kleine Rakete in die Höhe, dreht sich und landet kopfüber in der Bucht. Den Zuschauern stockt der Atem. Dann Erleichterung, er hat es geschafft, taucht aus den Fluten auf. Erneuter Applaus.
Das war der letzte Sprung für heute Abend. Das Licht geht wieder an, die Fackeln werden gelöscht. Die Gespräche der Zuschauer kreisen um die Springer von La Quebrada. Aus den Lautsprechern ertönt wieder Musik: „Fun in Acapulco“ von Elvis...
© Carsten Bäcker 2007
3995 Zeichen




