Die Ruhe nach dem Sturm
Winter in List auf Sylt
Von Thorsten Walter
Nur mit Mühe schaffen es die winterlichen Sonnenstrahlen, sich einen Weg durch die dichte Wolkendecke zu bahnen. Vor dem diffusen Licht sind die reetgedeckten Häuser aus roten Backsteinen nur als Silhouette gegen den Horizont zu erkennen. Dunkelgrau stehen sie auf den Dünen, sorgfältig aufgereiht wie Schießbudenfiguren. Der kalte Wind holt über der Nordsee noch ein Mal Schwung, bevor er über die Insel hinweg fegt und dabei aus den Dünen den Geruch von Heidekraut mit nimmt und verteilt.
Im Winter sind die Straßen in List auf Sylt fast menschenleer. Nach der ersten Januarwoche sind die meisten Gäste wieder abgereist. „Zwischen Weihnachten und Neujahr ist bei uns mehr los als in der Hauptsaison“, erzählt die Frau von der Kurverwaltung. Für die Vermieter ist dann auch Hauptsaison, kostet eine Ferienwohnung doch soviel wie im Juli oder August. List ist der nördlichste Ort Deutschlands überhaupt. Der Bahnhof Westerland ist 20 Busminuten entfernt – Richtung Süden.
„Ihre Ferienwohnung müssen sie hier nicht abschließen“, begrüßt Anne-Dore Noack ihre neuen Gäste. „Geklaut wird höchstens in Westerland, vielleicht noch in Kampen bei den Reichen, aber bis List kommt keiner. Wahrscheinlich ist einfach der Bus zu teuer“, lacht Anne-Dore und überreicht den eben eingetroffenen Gästen eine Packung Kekse für den ersten Kaffee in der Ferienwohnung.
Die drei Wohnungen in dem Mehrfamilienhaus vermietet sie. Mit 83 Jahren wohnt sie selbst in einer kleinen Wohnung in einem Mietshaus. Es ist ihr zu unheimlich, wenn das eigene Haus im Winter die meiste Zeit leer steht. Um den 21. Februar herum erwartet sie erst wieder Gäste. Dann werden auf dem Strand die „Biikefeuer“ entzündet: Die Küstenbewohner häufen dann auf dem Sand Holz zu hohen Stapeln, um den Winter auszutreiben. Dazu gibt es Grünkohl und Glühwein.
Bis sich der Strand füllt, jagen Hunde den Bällen und Stöcken hinterher, die ihre Besitzer für sie werfen. Sonst gibt es hier nur den Wind, der Schaumkronen über den Strand pustet, die in Resten von Muscheln und Fetzen von Fischernetzen hängen bleiben: Treibgut das die Nordsee bei der letzten Flut zum Spülsaum zusammengeschoben hat.
Beim Spaziergang am Strand ziehen die Gedanken mit den Möwen übers Meer: sie steigen auf, stehen im Wind, gleiten herab und fliegen davon. Von der Aussichtsplattform neben der Weststrandhalle ist der eigene Blick aus der Vogelperspektive frei über die Küste und die Dünen im Listland.
Neben der holprigen Straße, die über den Ellenbogen zum äußersten Zipfel der Insel führt, grasen Schafe. Angesichts ihres dicken Fells können ihnen Wind und Regen nichts anhaben. Dreieckige Verkehrsschilder mit rotem Rand und einem Schaf in der Mitte warnen die Autofahrer, die aus dem Großstadtdschungel an die Küste fliehen, vor gefährlichen Zusammenstößen.
Im Lister Hafen ist jetzt nichts mehr zu spüren von der Betriebsamkeit, mit der hier im Sommer stolze Yachten festmachen. Die Pontons liegen neben der alten Bootshalle und die Boote stehen aufgebockt in der grünen Wellblechhalle neben dem Parkplatz oder in den Vorgärten ihrer Besitzer. Nur der Seenotkreuzer liegt noch an der Kaimauer und wird von den Wellen hin und her geschaukelt.
In der alten Bootshalle am Hafen stehen längst keine Boote mehr. Jürgen „Jünne“ Gosch, hat 1993 in der Bootshalle sein erstes Restaurant eröffnet. Über 20 Jahre hat er vorher Fischbrötchen aus einer zwei mal zwei Meter kleinen Bude verkauft. Sein Motto: "Alles Gute kommt von oben. Was man liebt, kommt aus dem Meer!"
Der Wind trägt das Rauschen der Brandung herüber. Das Tosen der Wellen wird lauter, je mehr sich der Weg über die Dünen dem Strand nähert. Die Luft ist erfüllt von feiner Gischt und legt einen salzigen Geschmack auf die Zunge. Unaufhörlich brechen die Wellen, läuft das Meerwasser über den Strand, zieht sich wieder zurück und nimmt einen neuen Anlauf im Schein der Sonne die kurz zwischen den Wolken hindurch schaut.
© 2007 Thorsten Walter
Kto 38784340, HypoVereinsbank, BLZ 70020270
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