Der Weg zur Siegreichen
Eine Nachtfahrt im Bus vom Flughafen Kairo zur Altstadt
Von Volkmar Hoffmann
Seit fast einer Stunde kauert Markus nun schon mit angezogenen Beinen auf rostigem Metallgestänge und versucht draußen etwas zu erkennen. Es ist stockdunkel. Ab und zu ziehen mehrstöckige Neubauten am Busfenster vorbei, meist sieht er nur die staubige, mehrspurige Straße. Das staubige Fenster und die staubige Rückenlehne. Sogar die arabischen Männer, die vor und hinter ihm sitzen, scheinen mit einer feinen Staubschicht bedeckt. Frauen sind nicht zu sehen.
Neben ihm sitzt Jens, mit hochgerecktem Hals, wie eine Giraffe. Er sucht den Melodicaspieler. Der Bus ist hoffnungslos überfüllt, auf dieser Nachtfahrt vom Flughafen Kairo nach Nirgendwo. Denn ob sie wirklich im Herzen der Siegreichen enden werden, daran hat Markus erhebliche Zweifel. Er wäre jetzt lieber zu Hause, wo nichts Staubiges, nichts Vergammeltes in der Luft liegt, wo man sich nicht auf durchgerosteten Sitzen ohne Polster den Hintern wundscheuert.
Es fing schon an mit dem elendlangen, schlechtbeleuchteten Gang im Flughafengebäude, wo die Wände mit der hässlichsten aller hässlichen dunkelgrünen, glänzenden Ölfarbe gestrichen waren. Dann waren beide Wechselstuben geschlossen, und sie mussten schwarz fünfzig Euro in ägyptische Pfund tauschen. Ägyptische Pfund! Woher sollte Markus wissen, wie die aussehen? Und als dann endlich die riesigen Schiebetüren am Ausgang der Flughafenhalle aufgingen: Kairo, arabisch Al Kahira – die Siegreiche! Palmen im Wind, die Düfte des Orients, beleuchtete Minarette inklusive der Muezzingesänge? Mitnichten. Zum ersten Mal dieser Geruch nach Staub und Verwesung, viel Beton und statt Muezzins Massen von Taxifahrern.
Die Fahrt ins Zentrum von Kairo sollte 30 Euro kosten, das Gepäck war schon im Wagen verstaut. Zuviel, hatte Jens entschieden, und an einem Kiosk zwei Fahrkarten für umgerechnet 34 Cent erstanden. „Where is the Autobus to the center?” Die Taxifahrer hatten Jens angesehen, als ob er sie nach einem UFO gefragt hätte. „No Otobus!“. Und dann war Markus von einem kleinen, älteren Araber mit karriertem Holzfällerhemd am Ärmel gezogen worden. Jens und Markus hatten ihr Gepäck hinter ihm hergeschleppt, bis der Araber mit einem stolzen „Otobus!“ vor dem Objekt der Begierde stehen geblieben war. Der Bus war voll, und davor standen immer noch Menschen, die mit wollten. Und dennoch hatten sich die beiden Deutschen plötzlich im Wageninneren befunden. Sie waren von freundlichen Menschen durch ein Seitenfenster geschoben und auf einen freien Platz gedrückt worden. Ihr Gepäck, das sie aus den Augen verloren hatten, war auch wieder da. Ihre Freude darüber hielt nicht lange an: Bis zu seiner Abfahrt blieb der Bus noch zwei Stunden stehen.
Markus schaut auf den Boden. Das Gepäck steht immer noch da. Draußen hat sich nichts verändert, immer noch Straßen und mehrstöckige Häuser. Nur der Verkehr ist dichter geworden. Die Melodica spielt immer noch, und Markus muss lächeln.
Ein junger Araber in dunklem, abgetragenen Sakko und weißem Rollkragenpullover hatte sie angesprochen. „Germany! I know a german folksong!“ Aus einer abgegriffenen Aktentasche hatte er eine Melodica herausgezogen, und langsam und stockend, als ob er sich jeder einzelnen Taste versichern müsste, „Hänschen klein“ gespielt. Unter den bewunderenden Blicken seiner Landsleute hatte er den beiden Deutschen immer wieder strahlend „Really?“, „Really?“ zugerufen. Jens und Markus hatten zustimmend genickt.
Der Bus wird langsamer und hält schließlich an. Einige Araber zeigen wild gestikulierend nach draußen. Die beiden Deutschen steigen aus, und finden sich in einem Gewirr von stinkenden Autos und Beton wieder, von Zubringern, Straßenbrücken, Über- und Unterführungen. Der kleine, alte Mann hat mit ihnen den Bus verlassen. Er deutete auf die hohe Mauer, die sie erst jetzt bemerken. „Al Kahira!“
Ein Holztor ist in der Mauer geöffnet, und sie sehen, wie in einem beleuchteten Fenster, eine Gasse mit Ständen, in der es dampft und von Menschen wimmelt. Jens reckt seinen Hals, und Markus streckt seine Beine.
Dann laufen sie los.
© 2007 Volkmar Hoffmann
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