Nichts tun - viel erleben
Auf Tobago ticken die Uhren anders
Von Sirit Coeppicus
Rot und weiß glänzen die Schuppen, die sich auf dem wackeligen Holztisch am Strand von Pidgeon Point anhäufen. Das scharfe Messer des Rastas gleitet im Eiltempo über die frisch gefangenen Fische. Sauber und filetiert landen sie in die Taschen der Einheimischen und Touristen, die geduldig warten und schwitzen. Es sind bereits 27 Grad um neun Uhr morgens. Eine leichte Brise weht vom Meer herüber, bewegt die Blätter der Palmen und sorgt für angenehme Kühlung. Als sein gesamter Fang verkauft ist, grinst Rat, der Fischer mit den langen, verfilzten Haaren, und zieht die Schultern hoch: Nichts mehr da! Endlich, nach zwei Stunden Arbeit kann er sich ausruhen. Sich Zeit nehmen, den Augenblick genießen, Geschichten erzählen. Das „Liming“ gehört, wie der Fischfang, zum Leben auf der Karibikinsel Tobago. Liming ist Genuß. Liming ist Lebenseinstellung.
Christoph Kolumbus entdeckte 1498 die Westindischen Inseln Trinidad und Tobago 40 Kilometer nord-östlich von Venezuela. Nach der Besiedlung durch Sklaven aus Westafrika im 16. Jahrhundert eroberten Holländer, Franzosen und Engländer das tropische Paradies. Seit der Unabhängigkeit 1962 entdecken Urlauber aus der ganzen Welt die Schönheit und die Ruhe der Insel. Beides findet sich in dem saftig grünen, dichten Regenwald des ältesten Naturschutzgebietes der westlichen Hemisphäre entlang der zentralen Gebirgskette wieder. Ein Ort an dem der Begriff des sich-gehen-lassen eine neue Dimension erhält.
Rat setzt sich neben einen anderen Fischer. Sie beobachten die Taucher, die ihre Ausrüstung in eines der kleinen, bunt bemalten Boote heben. Der weiße, feine Sand, der auf der tiefschwarzen Haut ihrer Beine klebt sieht aus wie Kniestrümpfe. Auf dem Boot nebenan dösen Pelikane in der Sonne und lassen sich von den seichten Wellen hin und her wiegen.
Am anderen Ende der Insel legt zur gleichen Zeit ein Glasbodenboot vom Strand des Fischerdorfes Speyside ab. Auf der Mauer des Es fährt zu einer der über 20 weiteren vor gelagerten Inseln, nach Little Tobago. Tropfen von Salzwasser spritzen über den Rand des grün gestrichenen, wippenden Bootes. Der Außenbordmotor arbeitet sich laut surrend durch die durcheinander schwappenden Wellen. „Schauen Sie auf den Meeresboden, denn gleich sehen Sie die größte Hirnkoralle der Karibik“, ruft der einheimische Naturführer Harris McDonald den Urlaubern an Bord zu. Ein Papagai-Fisch schwimmt vorbei und zeigt stolz seine schillernde Farbenpracht. Nur einen kurzen Blick gönnt sich unter den Norwegern und Engländern die einzige Deutsche an Bord. Sie ist froh, als sie wenig später auf den spartanisch angelegten Bootssteg gehievt wird und wieder festen Boden unter den Füßen hat. „Hier gibt es über 100 Vogelarten, darunter der seltene Rotschnabel-Tropikvogel und verschiedene Tölpel mit ihren entenartigen, gelben Füßen“, erklärt McDonald auf dem höchsten Punkt der Insel. Über ihnen zappelt ein gerade erbeuteter Fisch im Schnabel eines Fregattvogels. Die Brandung klatscht an die schwarzen, schroffen Felsen unterhalb und die Gedanken der Besucher verlieren sich für einen Moment in der Weite des Meeres.
Harris McDonalds Anekdoten zu Land und Leuten vermischen sich während der Heimfahrt mit schnellen Rhythmen der einheimischen Soca-Musik aus den Lautsprechern des verrosteten Kleinbusses. Noch ein Abstecher mit einem erfrischenden Bad an den Argyle Wasserfällen, dann geht es zurück in ihre Hotels. Der Fischer Rat schlendert am Straßenrand entlang und ruft „Alright!“, der Gruß der Insel, gepaart mit einem Wackeln der erhobenen Hand. Er hat den Tag am Strand verbracht, die Wellen beobachtet und Blumenmuster in Kokosnussnussschalen geschnitzt. „Leute, die uns besuchen nehmen solche Andenken gerne mit nach Hause. Wer weiß, vielleicht erinnern sie sich dann an mich oder daran wie sehr sie die Zeit hier genossen haben.“
Heute Abend gibt es bei ihm gegrillten Fisch, zusammen mit püriertem Mango Chuntney oder Babaganoush, der Paste aus Aubergine und Knoblauch. Bis dahin steht fest was er tut: Mit einer Flasche Carib-Bier am Strand sitzen. Und sonst gar nichts.
© Sirit Coeppicus, Journalistin und Geologin
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