Ungarn im Herbst
Ungarn im Herbst – mit dem Fahrrad um den Plattensee
Von Martina Boetticher
Ein hoher spitzer Schrei durchbricht das gleichmäßige Summen der Fahrradreifen auf dem Asphalt. „Eine Schlange, eine Schlange!“
Ruckartig kommen alle Räder zum Stehen. Die drei Urlauber schauen angestrengt auf die Stelle, auf die die 13 jährige Clara mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet. Eine kleine Blindschleiche huscht verschreckt ins hohe Gras. Hier am Südufer des Balaton sind Begegnungen mit Eidechsen, Fröschen und Schlangen an der Tagesordnung.
Der Balaton, wie der Plattensee auf Ungarisch heißt, ist etwas größer als der Bodensee und damit der größte See Mitteleuropas. Daher wird er auch das ungarische Meer genannt.
Clara ist mit ihren Eltern und ihrer ein Jahr jüngeren Schwester aus Norddeutschland angereist: „Wir haben die Fahrräder im Zug mitgenommen. Das war ein bisschen anstrengend. Aber jetzt ist es ein richtiger Abenteuerurlaub, weil wir nie wissen, wo wir abends schlafen werden.“
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Es ist bereits Mitte Oktober. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit zeigt das Thermometer noch angenehme 23 Grad. Dennoch ist die Saison unwiederbringlich zuende. Das Strandleben ist eingestellt, die Lokale und Imbissbuden sind geschlossen. Leicht lässt sich erahnen, welche Menschenmassen sich hier in den Sommermonaten drängen wenn die vielen Wasserrutschen und Karussells von Kindern und Erwachsenen bevölkert sind, die Stranddisco dröhnt und sich lange Schlangen vor den Umkleidehäuschen bilden. Jetzt ist hier niemand mehr. Ein leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche. Das gegenüberliegende Ufer liegt in weiter Ferne. Es herrscht friedliche Stille.
Das Seeufer ist von einem breiten Steinwall eingefasst. Leider sind die Badestege weggeräumt, über die es sich im Sommer bequem ins Wasser spazieren lässt. Jetzt müssen die einsamen Badenixen spitzzehig über die Steine klettern. Der Balaton ist in der Mitte kaum mehr als drei Meter tief und auch noch weit draußen bietet das gerade mal hüfthohe Wasser einen idealen Spielplatz. Nach dem erfrischenden Bad genießen die vier Radfahrer ihr mitgebrachtes Picknick: Weißbrot, Tomaten, natürlich echte ungarische Salami und Aprikosenkonfitüre.
Der gut ausgeschilderte Radweg, Balatoni Ko-hut, zieht sich über 230 Kilometer um den gesamten See herum. Ungarn beginnt die Fahrradtouristen zu entdecken. Das Radwegenetz wird ausgebaut. Das Land ist mit seinen weiten Ebenen auch außerhalb der offiziellen Routen ein ideales Fahrradrevier. Auf entlegenen Sträßchen fühlt man sich mancherorts um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt. Dörfer von grauer Schlichtheit tauchen nach endlos weiten Feldern und Wiesen auf. Hinter jedem Hoftor bellt ein Hund. Vor den Häusern stehen Obst- und Walnussbäume. Ein oder zwei winzige Läden versorgen die Bewohner mit dem Nötigsten. Milchprodukte sind Mangelware. Obst und Gemüse stammen aus der Region. Die Verständigung gelingt mit Zeichensprache nicht immer. Was mag wohl in der kleinen Dose sein? Welchen Geschmack hat die rote Limonade? Aber es macht auch Spaß, wenn die Limonade sich als Sirup entpuppt und das Tomtatenmark in Wirklichkeit ein höllisch scharfes Paprikamark ist.
Auf dem Weg liegen kleine anmutige Städtchen wie Keszthely mit 23000 Einwohnern. Hier lässt sich der einstige Glanz der österreichisch-ungarischen Monarchie in der prächtig restaurierten Altstadt noch spüren. In den Cafés sitzen alte Damen mit kleinen Hüten und Männer mit Zigarren. Die Nachmittagssonne taucht die Plätze und Gassen in ein zartes Licht. Die Zeit scheint still zu stehen. Die Urlauber sinnieren ein wenig und blinzeln träge in die Herbstsonne während der Kellner Kaffee, große süße Tortenstücke und Eis serviert.
Allzu bald werden Clara und ihre Schwester unruhig. Sie haben aufgegessen und drängen energisch zum Aufbruch. So sind die Erwachsenen ständig hin und her gerissen zwischen der eigenen Lust an entspannter Kontemplation und dem Tatendurst des Nachwuchses, der auf den leichten Fahrradstrecken nicht immer befriedigt wird.
Am späten Nachmittag halten alle Ausschau nach einem Nachtquartier, denn um sechs wird es schlagartig dunkel. Wie fast überall in Un-garn, findet sich schnell ein Schild mit der Aufschrift „Zimmer frei“ und die Wirtin freut sich über die Gäste. Auf die Frage nach einem Restaurant weist sie den Weg zu einem gemütlichen, einfachen Lokal, in dem sich die mit rot-weiß karierten Tüchern gedeckten Tische biegen unter Platten mit Rehbraten, Schüsseln mit Knödeln, Töpfen mit Pörkölt, wie hier das Gulasch heißt und Tellern mit mandelgefülltem Palatschinken mit Schokoladensauce. Davon lässt es sich dann noch wunderbar träumen, wenn alle müde in die Betten fallen. Vielleicht träumt Clara auch von Fröschen, Eidechsen und Schlangen.
© 2007 Martina Boetticher
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