Title: Tomaten aus Grönland?
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Tomaten aus Grönland?

von Jens Poschadel

 

„Denn een sien Uhl is denn annern sien Nachtigal“ (des einen Eule ist des anderen Nachtigal). So kommentiert der Vermessungsingenieur und Glaziologe Heinrich Hinze die möglichen Auswirkungen des globalen Klimawandels.

 

Nur zögernd erklärt sich der auf dem Land aufgewachsene 51-jährige bereit, aus seiner Arbeit Rückschlüsse auf eine drohende Klimakatastrophe zu ziehen. „Auf dem Gebiet der Klimaforschung würde ich mich nicht als Experten bezeichnen“, sagt er bescheiden. Dabei befassen sich die Studien des dreifachen Familienvaters durchaus mit einem Naturphänomen, das vom Treibhauseffekt beeinflusst werden kann: dem Wanderverhalten des Inland- und Schelfeises.

 

Wandernde Eismassen?

Tatsächlich wandert das Eis der Gletscher, dem Gefälle folgend, mit Geschwindigkeiten von bis zu 1.200 Metern pro Jahr. Dabei liegt die Geschwindigkeit in der Mitte eines Gletschers höher als an dessen Rand. Am unteren Ende, der Gletscherfront, gleiten die Eismassen schneller als oberhalb. Diese Bewegung ist möglich, da Wasser in kristalliner Form plastisch bleibt und sich zudem unter den Eismassen ein Gleitfilm aus Wasser bildet.

Einige dieser Erkenntnisse verdanken wir Hinze, der im Laufe seiner beruflichen Karriere unter anderem für das renommierte Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven tätig war. Heute arbeitet Hinze als freiberuflicher Wissenschaftler: Er bietet seine Expertendienste neben dem AWI zum Beispiel dem Institute for Geosciences and Natural Resources in Hannover an.

 

Und welche Veränderungen der Wandergeschwindigkeit haben die Wissenschaftler nun in den letzten Jahren verzeichnet?

„In einigen antarktischen Regionen beobachten wir seit einiger Zeit eine Erhöhung der Eiswandergeschwindigkeit. Vielleicht liegt das auch an den ständig verbesserten Messmethoden“, sagt Hinze. Darüber hinaus schmelzen die Gletscher der Alpen wie das grönländische Festlandeis mit immer größerer Geschwindigkeit. „Letzteres sind nicht die Ergebnisse der von mir durchgeführten Studien“ schränkt Hinze ein. Er ist dennoch sicher, dass der Mensch am Klimawandel schuld sei oder ihn wenigstens beschleunige.

Werden wir also bald Tomaten aus Grönland importieren können?

Diese Aussicht hält der Glaziologe für durchaus realistisch: „jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass der Klimawandel bereits auf die folgende Generation spürbare Auswirkungen haben wird. Mir selbst ist vor drei Jahren dank zunehmend hoher Windgeschwindigkeiten der Herbststürme das Haus abgedeckt worden. Daraufhin habe ich eigens eine Sturmschadenversicherung abgeschlossen.“

 

Obwohl er derzeit keinen direkten Zusammenhang zwischen der Wandergeschwindigkeit des Inlandeises und dem Phänomen des globalen Klimawandels sieht, ist Hinze doch fest davon überzeugt, dass unumgänglich Klimaveränderungen auf uns zukommen. Selbst wenn es die Industrienationen schafften, in kürzester Zeit den Ausstoß der für die nahende Katastrophe verantwortlichen Treibhausgase drastisch zu reduzieren, sei es doch fraglich, ob „einige sehr einwohnerstarke Nationen mit einer derzeit boomenden wirtschaftlichen Entwicklung“ diesem Beispiel folgen würden.

Der Klimakollaps ist also nicht zu verhindern. Aber ist es denn so dramatisch, ganzjährig in der Ostsee baden zu können? Was für eine Chance für den Tourismus, für die Entwicklung mediterraner Lebensfreude in Deutschland bietet sich damit? „Mir persönlich wäre es am liebsten, wenn das Klima in Deutschland so bliebe, wie ich es aus meiner Kindheit kenne“, sagt Hinze und weist darauf hin, dass die tatsächliche regionale Klimaentwicklung nur schwer vorhersagbar sei. Es werde Regionen wie Grönland geben, die vom Klimawandel zumindest wirtschaftlich profitieren könnten. Dort würden die abtauenden Gletscher nutzbares Land freigeben. Einige Inselstaaten und Küstenregionen würden jedoch häufiger und stärker überschwemmt. Mediterranes Klima an der Ostsee sei möglich, doch auch andere, weniger romantische Szenarien seien durchaus vorstellbar.

 

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